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Das Geschäft mit den Prothesen boomt

IRAK-INVALIDEN
Das Geschäft mit den Prothesen boomt
Von Marc Pitzke, New York
Der Krieg gegen den Terror hat an der Heimatfront makabre Folgen: In den
USA boomt das Geschäft mit künstlichen Gliedmaßen. Denn seit dem
Vietnamkrieg gab es nicht mehr so viele verstümmelte US-Soldaten. Die
orthopädische Industrie kann die Nachfrage kaum bewältigen.

APAnschlag auf US-Truppen im Irak: Zahl der verstümmelten Kriegsheimkehrer steigtNew York - In einem Labor bei Boston hat die Zukunft begonnen. Hier, am
Massachusetts Institute for Techology (MIT), in einem mit Computern,
futuristischen Apparaturen und Kabelknäueln voll gestopftem Raum, basteln
Forscher der Abteilung Biomechatronics an einer neuen Generation
orthopädischer Arm- und Beinprothesen, die direkt ans menschliche
Nervensystem gekoppelt sind. Am Ende dessen steht eine abenteuerliche
Science-Fiction-Idee - ein Zwitter aus Mensch und Roboter. 'In zehn
Jahren', prophezeit der MIT-Projektleiter Hugh Herr, 'werden wir hybride
Menschen haben.'
Das 'Projekt Robocop', wie manche es nennen, hat den Segen von höchster Stelle. Das für kriegsversehrte Soldaten zuständige Veteranenamt (VA) des
US-Verteidigungsministeriums unterstützte die Forscher bisher mit 7,2 Millionen Dollar.
Die Behörde hat ein besonderes Interesse am Erfolg der Kunstglied-Experimente. Die Zahl der verstümmelten Kriegsheimkehrer hat ein Rekordniveau erreicht. Allein im vorigen Jahr gab das VA nach eigenen
Angaben rund 6000 Prothesen aus - meist an GIs, die im Irak, in
Afghanistan und anderen Orten Arme oder Beine verloren haben, im Gefecht, durch Autobomben, bei Unfällen. 'Um es mal wirtschaftlich zu sagen', erklärt VA-Forschungschef Stephan Fihn: 'Prothesen sind zu einem maßgeblichen Geschäft geworden.'
Von Hollywood ins Militärhospital
Der Boom der künstlichen Gliedmaßen zählt zu den makabersten Konsequenzen des Kriegs gegen den Terror. Grund dafür ist auch die moderne Kriegstechnik. Die gepanzerten Kevlar-Westen schützen
zwar die lebenswichtigen Organe der GIs, nicht aber ihre 'entbehrlichen'
Gliedmaßen. Die Folge: Viel mehr Soldaten als in früheren Kriegen
überleben als Invaliden. 'Seit dem Vietnamkrieg hat es nicht mehr so viele
Amputierte gegeben', erklärte die Berufsgenossenschaft der US-Orthopäden, die American Orthotic & Prosthetic Association (AOPA).
APAbtransport eines verletzten GIs: 'Wir verkaufen sehr viele Arme'Davon profitiert nicht nur das MIT-Forscherteam auf seinem Weg zum
menschlichen Roboter, sondern auch eine florierende, sonst kaum beachtete
Spezialindustrie. Zum Beispiel die kleine Firma Alternative Prosthetic
Services aus Connecticut, die bisher ausschließlich Silikon-Prothesen für
zivile Unfallopfer und Diabetes-Fälle gefertigt hat: Beine, Füße, Arme,
Hände, Finger. Seit dem Irak-Krieg aber hat sich das Geschäft
verlagert - und vervielfacht. Neue Hauptkundschaft sind Soldaten.
'Wir haben so viele Patienten, dass ich mich kaum noch um jeden Fall
kümmern kann', sagt Firmengründer Michael Curtin. Zweimal pro Woche fährt
Curtin mit seinem 'Prothesenkünstler' Chuck O'Brien ins Walter Reed Army
Medical Center, die Spezialklinik der US-Armee in Washington, wo die
Irak-Verwundeten nachbehandelt werden. Dort setzen sie sich mit ihren
Patienten zusammen und formen, schleifen und bemalen in aller Ruhe deren Ersatz-Extremitäten. So erfolgreich ist Alternative Prosthetic Services,
dass das Unternehmen neulich gar auf der Seite eins des 'Wall Street Journals' porträtiert wurde.
'Jetzt kann ich mit meinem Talent wenigstens helfen', sagt Chuck O'Brien, der aus Hollywood kommt, wo er zuvor Special Effects
und Leichenattrappen für Kinofilme und TV-Krimis bastelte. Doch vor zwei
Jahren hatte er genug davon: 'Ich war's leid, nur noch Tote zu machen.'
Seither widmet er sich den Lebenden - und neuerdings vor allem den
Überlebenden aus dem Irak.
Rekordumsatz im ersten Kriegsjahr
'Wir verkaufen sehr viele Arme', berichtet auch Joanna Rendi MacDonald,
die Marketing-Koordinatorin von Motion Control, einem Unternehmen aus
Utah, das das Militär bereits mit Hunderten myoelektrisch gesteuerten
Prothesen für Veteranen versorgt hat - künstliche Arme, die der Patient
über seine Stumpfmuskulatur selbst bewegen kann.
'Das Land ist im Krieg', erklärt Dale Berry, der Vizepräsident des
Marktführers Hanger Orthotics & Prosthetics, den jüngsten Erfolg seines
Hauses. Hanger unterhält inzwischen in 44 US-Bundesstaaten
Betreuungszentren für Amputierte, viele davon Kriegsveteranen. Berry
selbst reiste 2002 persönlich nach Afghanistan, um Verwundete zu betreuen.
'Wir kümmern uns um unsere Soldaten. Und unsere gesamte Industrie zehrt
davon.'
Umsatzzahlen für die Branche gibt es nicht, da die Prothesenindustrie
überwiegend in privater Hand liegt und auch keiner zentralen
Aufsichtsbehörde untersteht. Hanger jedenfalls machte im Bilanzjahr 2003 nach eigenen Angaben einen 'Rekordumsatz' von 548 Millionen Dollar. Dass es das erste Jahr des Irak-Kriegs war, ignoriert der Geschäftsbericht freilich pietätvoll. Doch die erste Quartalsbilanz für 2005 weist aus, dass Hangers Handel mit dem Pentagon allein in den letzten zwölf Monaten um 60 Prozent angestiegen ist.
Denn das Militär scheut keine Kosten, seine Veteranen zu versorgen.
Kürzlich legte die Armee den Grundstein für ein neues, zehn Millionen
Dollar teures Amputations- und Rehazentrum, in dem ab Ende des Jahres 200
Soldaten pro Woche behandelt werden sollen.
Private Patienten profitieren
Das freut auch zivile Prothesennutzer. Der von der Armee mitfinanzierte Technologiesprung in der Orthopädie, für die das MIT-Programm nur ein Beispiel von vielen ist, kommt nach Angaben der AOPA immer mehr Privatpatienten zu Gute.
'Die Zivilisten sehen im Fernsehen all diese amputierten Soldaten, die oft
sogar wieder in den aktiven Dienst zurückkehren', sagt der Orthopäde
Dennis Clark aus Iowa, der jede Woche vier Tage im Walter Reed Medical
Center damit verbringt, den Soldaten Kunst-Knie anzupassen. 'Das steigert
auch die private Nachfrage nach besseren Prothesen.'
DPAEin US-Soldat versorgt einen Iraker: 'Noch eine Million weitere Amputierte'Doch die Krankenversicherungen spielen nicht immer mit. Während
das Militär alle Kosten trägt, um seine amputierten Soldaten als 'Quelle
der Inspiration' (US-Präsident George W. Bush) gleich wieder in den
PR-Krieg zurückzuschicken, müssen Zivilisten erst mal einen zähen
Qualifikationsprozess durchlaufen. Der führe nicht immer zum gewünschten Erfolg, klagt die AOPA auf ihrer Website. Viele Betroffenen müssten
sich mit billigeren, älteren Prothesen zufrieden geben oder sogar mit gar
keinen - quasi Amputierte zweiter Klasse.
Derweil öffnet sich der Branche schon ein neuer Wachstumsmarkt:
verstümmelte Iraker. So flog ein texanisches US-Firmenkonsortium im vergangenen Jahr sieben Iraker ein, denen Saddam Hussein die rechte Hand hatte abschlagen lassen. Die amerikanischen Prothesen im Wert von bis zu 50.000 Dollar waren umsonst - eine Art Werbegeschenk. Schließlich, sagte Sabah al-Rubayi, der medizinische Direktor des irakischen Gesundheitsministeriums, 'haben wir hier noch eine Million weitere Amputierte'.
Quelle:: Spiegel.de
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